»Die Mörderin«
von Alexandros Papadiamantis neu aufgelegt

Alexandros Papadiamantis gilt in Griechenland als einer der wichtigsten Autoren der neugriechischen Erzählliteratur. Geboren 1851 auf der Sporadeninsel Skiathos als ältester Sohn eines orthodoxen Priesters, ging er 1869 nach Athen, wo er knapp vierzig Jahre als Journalist, Übersetzer und Schriftsteller zurückgezogen in ärmlichen Verhältnissen lebte. Ab 1879 publizierte er drei Romane und über einhundert Erzählungen. 1908 kehrte er nach Skiathos zurück und starb drei Jahre später, alkohol- und rheumakrank, an einer Lungenentzündung.
Seine bekannteste Erzählung, »Die Mörderin «, stammt dem Jahr 1903. Die deutsche Übertragung von Andrea Schellinger erschien zuerst 1989 im Suhrkamp Verlag, nun veröffentlichte sie der Berliner Elfenbein Verlag in einer von der Übersetzerin überarbeiteten Neuausgabe. Erzählt wird die Geschichte der Hebamme Frangojannoú auf der Insel Skiathos, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eines Abends sitzt die alte Frau am Krankenbett ihrer wenige Wochen alten Enkelin und beginnt über ihr beschwerliches Leben und die Rolle ihrer Geschlechtsgenossinnen in der patriarchalischen griechischen Gesellschaft nachzudenken. Frauen waren damals entweder ihren Männern unterworfene Ehegattinnen und Mütter oder, wenn sie nicht verheiratet waren, Dienstmägde in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen. Aber auch die ärmeren und töchterreichen Familien beklagt sie, denn der staatlich institutionalisierte Mitgiftbrauch stürzte viele von ihnen ins Elend, weil die Töchter bei ihrer Verheiratung mit erheblichen Vermögenswer ten ausgestattet werden mussten.

 

Thomas Plaul ( Die komplette Rezension in der Lesartausgabe )

Alexandros Papadiamantis: »Die Mörderin« (a. d. Griechischen von Andrea Schellinger), mit einem
Nachwort von Danae Coulmas; Elfenbein Verlag, Berlin 2015, 168 S.

 

 


 

 

»Flüchtiger Glanz«
Der großartige Roman des Katalanen Joan Sales über den Spanischen Bürgerkrieg

Es ist die Sehnsucht der jungen Leute in diesem Buch, wenigstens einmal im Lebenden Glanz des Besonderen, desAußergewöhnlichen am eigenen Leib zu erfahren, und sei es auch, indem es den Tod bringt. Der Spanische Bürgerkrieg 1936 bis 1939, ausgelöst durch den Putsch General Francos gegen die republikanische Regierung, hat das Land in ein Chaos von Gewalt und Blutvergießen gestürzt, in einen Bruderzwist, der Familien spaltet, Freundschaften
Lesetippzerreißt und unzählige Menschen zu Opfern macht. Der jedoch auch echtes Heldentum und internationale Solidarität mit der spanischen Republik hervorgebracht hat. Es war das Vorspiel, besser der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, wobei Hitler und Mussolini ihre Waffensysteme grausam an der Zivilbevölkerung erprobten. Wer jemals Pablo Picassos weltberühmtes Gemälde »Guernica« von 1937 gesehen hat, wird die Bildsymbole von Brutalität und Unmenschlichkeit nie vergessen. Die katalanische Autor Joan Sales (1912-1983) hat selbst auf der Seite der Republikaner in jenem Krieg gekämpft. Er ist ein leidenschaftlicher, sprachgewaltiger Erzähler, der 1956 anhand des Schicksals von vier jungen Hauptfiguren diesen Roman der Erinnerung schreibt. Damals musste er in der Franco-Diktatur, zuerst von der Zensur verboten, für die Publikation entschärft werden.

Man warf dem Autor u. a. Blasphemie gegen die katholische Kirche vor. Erst 1971 konnte »Flüchtiger Glanz« in seiner ursprünglichen Fassung erscheinen. Da war er jedoch in Frankreich bereits ein gefeierter Erfolg. Nun ist der Roman erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken, spät zwar, doch kurz vor dem 80. Jahrestag des Spanischen Bürgerkriegs durchaus zur rechten Zeit. Das umfangreiche Erzählwerk besteht aus drei Teilen, in denen jeweils eine Figur spricht: Lluís, einst bei den Anarchisten, kämpft nun als Fähnrich auf republikanischer Seite an der Front. Seine Liebste Trinidad, nur kurz Trini, ist mit dem kleinen Sohn in Barcelona zurückgeblieben und erleidet den Bombenterror, Hunger und Not im täglichen Kleinkrieg des Hinterlandes.

 

Monika Melchert


Joan Sales: "Flüchtiger Glanz", Roman (a. d. Katalanischen von Kirsten Brandt), Carl Hanser Verlag, München 2015, 573 S., € 26.

 


 

 

»GEHEN, GING, GEGANGEN« Jenny Erpenbeck

Der neue Roman von Jenny Erpenbeck liest sich angesichts des deutschen Spätsommers 2015 als Buch der Stunde. Während im Land die Gesellschaft und der Einzelne nach einer Haltung im Umgang mit verzweifelten Flüchtlingen sucht (oder auch nicht, was bereits eine Haltung ist), schickt die Autorin einen Lesetippunausgefüllten älteren Ostberliner unter die Asylsuchenden, die den Oranienplatz besetzt haben. Dessen Räumung steht kurz bevor, den Asylsuchenden werden aber nun Zusicherungen gemacht. Die meisten von ihnen akzeptieren die sogenannte Oranienplatz- Vereinbarung und ziehen freiwillig in verschiedene Einrichtungen um. Später ist von der Vereinbarung nicht mehr viel übrig. Dass es angesichts der Machtlosigkeit der Asylsuchenden seltsam ist, wenn die Stadt hier von Erpressung spricht, fällt dem gar nicht mehr unausgefüllten älteren Ost-berliner inzwischen auf. Wir sind im Jahr 2014 und in einem also praktisch in der Gegenwart spielenden Roman, der daran erinnert, nein, der darauf aufmerksam macht, wie es Asylsuchenden in Deutschland ergeht. Nicht gut. Das machen die Gesetze und die Menschen im Verein. Richard hat bisher nicht viel darüber nachgedacht. Seit fünf Jahren ist er Witwer, jetzt ist er außerdem Professor em., obwohl er gerne noch weitergearbeitet hätte. Auch er fällt unter das Regelwerk. Als Altphilologe verbindet er ein quälendes Herumirren durch die Welt eher mit der »Odyssee«, als wackerer Bürger schreibt er sich ordentliche Einkaufszettel und kocht sich bescheidene Mahlzeiten, wobei er kürzlich im Fernsehen gesehen hat, wie man Zwiebeln schneidet, ohne dass sie wegrutschen. Gleich wendet er das an. Im See, den er von seinem Haus aus sehen kann, ist vor Wochen ein Mann ertrunken, seine Leiche ist noch nicht gefunden. Darum schwimmt, rudert, angelt in diesem Sommer niemand hier. Vielleicht kann man sagen — Erpenbeck gestaltet das subtil —, dass die Nähe einer fremden privaten Tragödie Richard durchlässiger macht. Ohnehin hat er viel Zeit, sehr viel Zeit. Erstens fällt ihm dadurch bei einer Fahrt in die Innenstadt das Camp am Oranienplatz erstmals in Auge. Zweitens ist ihm bewusster als den Vorübereilenden, dass auch die Flüchtlinge viel Zeit haben, sehr viel Zeit. Das interessiert ihn. Ihm fallen Fragen zum Leben in Afrika ein, er fängt an, Bücher zu lesen. Als er bereit ist, aber feststellt, dass er auf dem Oranienplatz niemandem mehr seine Fragen stellen kann, sucht er ein ehemaliges Altenheim auf, in dem die Afrikaner jetzt untergebracht sind. Womöglich findet er hier Zugang, gerade weil er nicht vorgesehen ist.

Judith von Sternburg

Jenny Erpenbeck: »Gehen, ging, gegangen«, Roman, Albrecht Knaus Verlag, München 2015, 350 Seiten

 


 

 

» Konzert ohne Dichter « Klaus Modick

Moor und Heide, Sonnenstrahlen auf schmalen Kanälen, Vogelzwitschern in den Kronen der Bäume— und ab und zu eine Staffelei. Was der LesetippMonte Veritá für den Süden war, bedeutete die Künstlerkolonie Worpswede für den Norden des Kontinents. Zumindest für dessen sublime Seelen, die materiell nicht in jedem Fall besonders begütert waren, jedoch den Drang verspürten, zu malen und zu dichten und dabei auch neue Lebensformen auszuprobieren. Bis heute repräsentiert vor allem der Maler Heinrich Vogeler diese Zeit um den Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Mürbe und das Seelenvolle, das Kulturpessimistische und Kunstoptimistische noch eine Art Balance, ein Muster bildeten — vor allem wohl ein farbiges Ornament, nicht immer gänzlich kitschfrei. Marco Martin

 

Konzert ohne Dichter
Klaus Modick

Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
2015, 229 Seiten

 

 

 


 

 

» Wir sehen uns dort oben «Pierre Lemaitre

Pierre Lemaitre erhielt im vergangenen Jahr für seinen Roman »Wir sehen uns dort oben« den bedeutendsten französischen Literaturpreis, Lesetippden Prix Goncourt. Zwischen dem Erscheinen in Frankreich2013 und der Herausgabe der deutschen Übersetzung 2014 liegt ein überbordendes Gedenken und eine Flut von Büchern zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Dieser Krieg ist auch der Stoff des Buches des Preisträgers und man ist versucht, es deshalb vorschnell zur Seite zu legen. Was wäre das für ein Fehler, denn dieser historische Roman hat alles, was man von einem solchen erwarten darf. Kenntnisreich und bestens recherchiert dreht Lemaitre das Rad der Zeit zurück und — man merkt, dass der Autor eigentlich aus demKrimigenre kommt — hat gleichzeitig eine Spannung aufgebaut, dass der Leser gefesselt dem Erzählstrom folgen muss.Eingangs zeigt das Buch eindringlich die Grausamkeit, aber auch die Sinnlosigkeit jenes in den Gräben zum Erliegen gekommenen Krieges. Ein vom Ehrgeiz getriebener Offizier sieht kurz vor Kriegsende seine Felle davon schwimmen. Wenn er sich jetzt nicht noch auszeichnen kann, wird es nichts mit einer Beförderung zum Hauptmann. Also treibt er seine Soldaten in ein letztes Scharmützel, das vollkommen wahnwitzig den Frontverlauf um ein paar Meter verschieben soll.

Thomas Mahr

 

Pierre Lemaitre: "Wir sehen uns dort oben", Roman (a. d. Französischen von Antje Peter), Verlag, Stuttgart, 2014, 521 Seiten Klett Cotta

 

 


 

 

» Alles Licht, das wir nicht sehen « Anthony Doerr

Der Hinweis im Klappentext, dass der Roman im Zweiten Weltkrieg spielt, schreckt möglicherweise ab. Ist das Thema nicht längst mehr als gründlich behandelt worden? Und was sollte ein vergleichsweise junger, 28 Jahre nach Kriegsende geborener, amerikanischer Autor dem noch hinzuzufügen haben? Wer sich trotzdem an die Lektüre wagt, wird sehr schnell gefangen genommen von einem in knappen Kapiteln rasant erzählten Roman, der durch außergewöhnlich zielstrebige Hauptfiguren, besondere Perspektiven und raffiniert verflochtene Handlungsstränge den überstrapaziertenStoff aufregend neu erscheinen lässt.
Obwohl Doerr die historischen Geschehnisse akribisch recherchiert hat und beklemmend konkret nachzeichnet, steht nicht der Krieg im Zentrum des Romans, sondern dessen Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen. Der Krieg formt und verformt Biografien, verstümmelt sie, führt sie in ungeplante Richtungen oder stürzt sie in den Abgrund. Er lässt zudem Eigenschaften wie Feigheit, Mut, Zivilcourage, Skrupellosigkeit oder Denunziantentum weit schärfer hervortreten als in Friedenszeiten. In kurzen, gedrängten Eingangssequenzen werden eine junge Frau und ein junger Mann in bedrohlicher Lage gezeigt, am selben Ort, nur wenige Straßen voneinander entfernt. Die Spannung, die hier erzeugt wird, macht atemlos, saugt den Leser in den Roman und hält seine Neugier bis fast zum Schluss aufrecht. Auf dieser Zeitebene wird die Einnahme von Saint-Malo durch US-Truppen in den Tagen zwischen dem 7. und 12. August 1944 am Beispiel von drei Menschen geschildert. In einem minutiös beschriebenen und deshalb quälend langsam sich entwickelnden Showdown kommt es zwischen ihnen zum Kampf auf Leben und Tod. Auf diese Begegnung hin ist der gesamte Roman konzipiert.

Isa Schikorsky

 

Doerr, Anthony " Alles Licht, das wir nicht sehen" Roman 2014. 519 Seite.: Gebunden Auch als E-Book lieferbar. Von Anthony Doerr. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence C.H.BECK

 

 


 

 

» Es ist komplizierter «
Donna Tartt ist eine Autorin der Extreme.

Diesen Schluss lässt allein schon ihre Arbeitsweise zu. Wer sonst wagt es, zwischen zwei Publikationen zehn Jahre und mehr vergehen zu lassen? Ihr Debüt, der Psychothriller »Die geheime Geschichte « von 1992, wurde zu einem Riesenerfolg, doch erst 2002 folgte mit »Der kleine Freund« das zweite Buch, und jetzt, zwölf Jahre später, liegt als dritter Roman »Der Distelfink« vor und wurde gerade — völlig zu Recht — mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die langen Abstände zwischen den Veröffentlichungen sind keineswegs Schreibblockaden geschuldet. Tartt bezeichnet sich selbst als manische Autorin, die täglich und in jeder Lebenslage schreibt. Als Bremse wirkt vielmehr ihr hoher Anspruch. »Perfektion verträgt sich nicht mit Schnelligkeit«, lautet dementsprechend ihr Motto. Tartt schreibt nicht nur langsam, sie schreibt auch viel — ein zweites Extrem. Wer wagt es in Zeiten der Häppchenlektüre sonst noch, seinen Lesern tausend Seiten zuzumuten? Isa Schikorsky

 

Donna Tartt: "Der Distelfink" Roman (a. d. amerikanischen
Englisch von Rainer Schmidt und Kristian Lutze),

München: Goldmann Verlag 2014, 1024 S.,

 


 

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